Speditionen: Wege aus der Krise
Vom Transporteur zum Problemlöser
In der Wirtschaftskrise erlitten rund 75 Prozent der deutschen Spediteure und Logistik-Dienstleister Auftrags-, Umsatz- und Gewinn-Einbußen. Jetzt gilt es, sich neu zu positionieren. Denn etliche Verlader restrukturieren ihre Lieferketten und stellen neue Anforderungen an die Logistik, so im Bereich Umwelt- und Klimaschutz. Diese Entwicklung müssen Spediteure erkennen und reagieren – indem sie sich vom Transporteur zum Problemlöser ihrer Kunden wandeln.
2009 war ein mieses Jahr für Deutschlands Logistik-Branche: Rund 17,5 Prozent weniger Güter als im Vorjahr wurden transportiert. Das ermittelte das Statistische Bundesamt, Wiesbaden. Dabei büßten drei von vier Speditionen und Transport-Unternehmen Aufträge und Umsätze ein, berichtet der Frankfurter Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung, BGL. Zugleich mussten sie bis zu 57 Prozent Mehrausgaben für die erhöhte Straßen-Maut entrichten, wie das Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW, Berlin, errechnete. Die bitteren Folgen: Rund die Hälfte der Logistiker musste Mitarbeiter entlassen, knapp 1.000 Firmen gingen Pleite.
„Viele Fuhrunternehmer haben es nicht verstanden, sich zumindest ein Stück weit unabhängig von den reinen und letztlich preisgetriebenen Transportleistungen aufzusstellen“, beobachtet Professor Dr. Hans-Christian Pfohl, Logistik-Experte an der Technischen Universität Darmstadt. „Doch wer nur transportiert, ist austauschbar und hat keine Chance, dem Preisdruck Paroli zu bieten.“ Und der ist gewaltig: Bis zu zehn Prozent fielen die Frachtraten im vergangenen Jahr. „Ein großer Teil der Speditionen und Transportunternehmen in Deutschland steht derzeit auf der Kippe, da sie kaum noch zu Kosten deckenden Preisen unterwegs sind“, warnt Hans-Christian Pfohl.
Überleben werden nach Meinung von Branchen-Kenner jene Anbieter, welche frühzeitig die Weichen richtig gestellt haben beziehungsweise in der Lage sind, Trends zu erkennen und sich den wandelnden Anforderungen der Verlader anzupassen. So betont Thorsten Hölser, Geschäftsführer des Speditions- und Logistikverbandes Hessen/Rheinland-Pfalz: „Der nächste Aufschwung kommt. Daher ist es in der momentanen Situation entscheidend, die Krise in eine Chance umzuwandeln, um sich eine gute Position für die kommenden Jahre aufzubauen.“ Das allerdings setze die Bereitschaft voraus, interne Konzepte und Strukturen zu analysieren und gegebenenfalls zu verbessern.
Logistiker wie Ralf Bartsch, Vorsitzender der Geschäftsführung der CI-Unternehmensgruppe, Hamminkeln, blicken optimistisch in die Zukunft. Denn ihnen ist es gelungen, ihre Unternehmen vom Kilometerfresser zum Problemlöser für Kunden zu entwickeln. So vereint die CI-Gruppe unter einem Dach
- ein Transport-Unternehmen mit eigenem Fuhrpark,
- eine Spedition,
- einen Kontraktlogistiker, der im Rahmen des Supply Chain-Managements komplette Logistikketten organisiert,
- eine Unternehmensberatung sowie
- eine Zeitarbeitsfirma.
Dieses Kompetenzgeflecht gefällt in erster Linie mittelständischen Verladern, die spezielle Anforderungen an Logistik-Dienstleister stellen und von Anbietern wie der CI-Gruppe Komplett-Lösungen aus einer Hand erhalten. „Diese Unternehmen haben erkannt, dass sie von Preisdumping osteuropäischer Speditionen nicht profitieren, wenn es mit der Kommunikation hapert und das Angebot sich auf den reinen Transport beschränkt“, argumentiert Ralf Bartsch. „Stellen Auftraggeber hingegen fest, dass sie durch unsere Logistik- und Beratungsleistungen Zeit und Kosten sparen, geben sie uns die Möglichkeit, mit ihnen zu wachsen.“
Zumal bei etlichen Verladern ein Prozess des Umdenkens eingesetzt habe, den der Chef der CI-Gruppe mit großem Interesse beobachtet: Die Produktion rückt wieder näher an die Abnehmer und Verbraucher heran. „Wenn brasilianisches Eisenerz zu chinesischem Stahl wird, der in italienischen Waschmaschinen verbaut und dann nach Süddeutschland in Läger des Einzelhandels transportiert wird, dann sind die damit verbundenen Transportprozesse heute erheblich teurer als vor vier, fünf Jahren.“ Dementsprechend sinke derzeit die Attraktivität globaler Lieferketten, während der so genannte Nachbarschafts-Effekt in der Produktion und damit für die Logistik zunehmend an Bedeutung gewinne. Ralf Bartsch ist überzeugt: „Statt Komponenten dort zu kaufen, wo sie am Günstigsten sind, um sie dann in Niedriglohn-Ländern durch Dritte montieren zu lassen, führen Unternehmen diese Aktivitäten wieder näher an die Verkaufsmärkte heran.“ Der Möbelbauer IKEA, der Fahrzeugbauer Telsa Motors und etliche weitere Unternehmen beweisen: Der Aufbau neuer Fertigungsstandorte in Europa kann sich kostensparend auswirken. Ein weiterer wichtiger Vorteil resultiert aus der schnelleren Verfügbarkeit der Produkte.
Logistik-Dienstleister, die hier mit Kompetenz, Transportnetzwerken und intelligenten Logistik-Lösungen aufwarten können, haben für 2010 und die Folgejahre gute Perspektiven.
Mit Blick auf die zum Teil sehr kritische Finanzlage etlicher Logistik-Dienstleister verweist Dr. Jochen Struck, Direktor bei der KfW Bankengruppe, Frankfurt/Main, auf ein weitgehend ungenutztes Potenzial an Fördermitteln, das in der Branche leider noch nicht in ausreichendem Maße bekannt sei. „Die Hilfen werden vom Staat nicht genügend kommuniziert, und die Hausbanken weisen Unternehmen nicht ausreichend auf Finanzierungsmöglichkeiten wie das KfW-Förderprogramm hin“, bedauert Jochen Struck und empfiehlt, intensive und zeitnahe Gespräche mit den Banken zu führen, um mögliche Kredit- oder Finanzierungsmöglichkeiten zu erörtern.
Verbandsfunktionär Thorsten Hölser empfiehlt eine höhere Solidarität innerhalb der Logistikbranche. „Besonders die kleineren und mittelständischen Transport- und Logistikunternehmen sollten verstärkt auf regionale und überregionale Kooperationen beziehungsweise Frachtverbünde setzen, um Wettbewerbsvorteile zu erzielen.“
Wettbewerbsvorteile resultieren aber auch aus ökologischem Know-how und Klimaschutzaktivitäten. Grün hat Konjunktur im Geschäft mit dem Transport, dem Lagern und Verteilen von Gütern. „Immer mehr Logistik-Kunden, insbesondere Firmen aus der Lebensmittel-, Pharma und Chemie-Industrie haben ein gesteigertes Interesse an einem reduzierten CO2-Verbrauch in ihren Transport-Ketten“, nennt Dirk Lohre, Logistikprofessor an der Hochschule Heilbronn, die Ergebnisse einer aktuellen Studie seines Fachbereichs. „Dabei gab fast jedes der befragten Unternehmen an, für grüne Logistik keinen zusätzlichen Euro zahlen zu wollen.“
Daher stoßen manche verkehrs- und umweltpolitischen Entscheidungen der Bundesregierung in der Logistik-Branche auf wenig Gegenliebe. „Fakt ist: Spediteure mussten in den vergangenen Jahren mit steigenden Mautkosten sowie verschärften Sicherheitsbestimmungen und neuen Arbeits- und Umwelt-Schutzmaßnahmen fertig werden und dennoch weiterhin Kunden auf einem schmalen Grat zwischen Zeit- und Kostendruck zufrieden stellen können“, skizziert Ralf Bartsch die wachsenden Belastungen für die Logistiker.
Als Lichtblick wird jetzt die Ankündigung von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) bewertet, bundesweit die Einsetzbarkeit von Gigalinern testen zu wollen. „Beim Einsatz solcher Fahrzeuge geht es nicht zwangsläufig um die Erhöhung der Tonnage, sondern des Ladevolumens“, betont Ralf Bartsch. „Von der Zulassung des 25 Meter langen Lkw erhoffen wir uns eine Entlastung der Straßen, eine erhöhte Transporteffizienz und eine geringere Belastung der Umwelt.“ Denn ein Gigaliner kann zwei herkömmliche Lkw auf der Straße ersetzen und dient somit ökologischen Gesichtspunkten.
Mit oder ohne Gigaliner: Leicht werden die kommenden Jahre für die deutschen Logistik-Dienstleister nicht. Doch wer die Entwicklung auf Seiten der verladenden Kunden aufmerksam verfolgt und seine Angebote darauf abstellt, hat gute Chancen, seine Marktposition zu festigen und auszubauen, wenn die Transportvolumina wieder anziehen.